23.05.2025

Was das Leben prägt – Unsere Lesung mit Thomas Niehaus

„Das hier war Altmoränenland, es hatte ewig unter Gletschereis gelegen, es war geschliffen und verschrammt, das bisschen Wind und Regen machte ihm nichts aus.“ Thomas Niehaus nahm uns mit in die Heimat, in das Leben von Ingwer Feddersen. Der Protagonist des Romans „Mittagsstunde“ von Dörte Hansen ist Dozent an der Uni Kiel und kehrt nach Jahrzehnten zurück in sein Heimatdorf Brinkebüll, um sich um seine alten Großeltern zu kümmern.

Eindrücklich wirkten die klug ausgewählten und einfühlsam vorgetragenen Passagen mit der feinsinnig abgestimmten Musik. Thomas Niehaus spielte auf Gitarre, Mundharmonika, Waldhorn. Auch knarzende Sequenzen von einem Tonband und Akkordeon untermalten das Geschehen.

Musik und Literatur bedingten und beeinflussten einander. Wie in dem Roman Landschaft und Menschen einander prägen. Musik und Text schienen so ineinander verwoben wie Dörte Hansens Charaktere mit ihrer Geschichte, ihrem Land, der Architektur und mit den Menschen ihres Lebens aus Vergangenheit und Gegenwart.

Beklemmend mutet die Veränderung des Dorfes durch Flurbereinigung und neue Straßen an. Erdige Wege und matschige Plätze werden mit Zement versiegelt. Traditionelle Lebensformen schwinden. Und über allem steht die Frage, wie die Herkunft einen Menschen prägt und nicht mehr loslässt. Und so trostlos die Suche anmutet, so melancholisch die Veränderungen stimmen, der Verlust der alten Zeit – so anregend, teils ausgelassen und tröstlich wirkte dieser Abend zugleich.

Er gab den Impuls, die Veränderungen nicht zu beklagen, sondern zu akzeptieren. Zu bleiben, ohne zu erstarren. Alte Vorstellungen loszulassen und in der eigenen Gegenwart anzukommen. Über Skurriles und seltsam Anmutendes auch einfach einmal herzlich zu lachen. Und die Kerben, Narben, die uns das Leben schlägt, als das zu akzeptieren, was uns und unser Leben letztendlich formt und zu etwas Lebendigem macht. Etwas, an dem wir wachsen und uns entwickeln können. Der Abend hat dazu eingeladen, sich auf das Leben einzulassen, mit allen Unebenheiten und Veränderungen – die Möglichkeiten zur Entwicklung und zu eigenständigen Entscheidungen in sich bergen.

Die rund 40 Zuschauerinnen und Zuschauer erlebten an diesem Abend die Essenz des Buches. Unser Gast Herr H., ehemaliger Schulleiter, beglückwünschte Thomas Niehaus: „Weiter so, junger Mann!“. Herrn L. ging es an diesem Abend nicht gut, doch angelockt von den Klängen der Mundharmonika, die er selbst auch spielt, schaute er zweimal im Herzsaal vorbei. Die Zuschauerinnen und Zuschauer waren sehr erfüllt und viele blieben noch lange bei einem Glas Wein und angeregten Gesprächen beisammen.

Danke, lieber Thomas Niehaus!

Dank

Großer Dank gebührt auch Sandra Rudorff und ihrer Künstleragentur, die die Lesungen bei uns ermöglicht, sowie Michael Schmitt von Mosel Wein, der wieder ausdrucksstarke Tropfen anbot. Und Danke an alle weiteren helfenden Hände!

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