18. November 2020

Über das Gefühl, nicht mehr zu tun, sondern zu sein

Am 1. Oktober übernahm Bettina Orlando die Leitung unseres Hauses von Julia Deimling. In diesem Gespräch lernen Sie einige Facetten einer erfahrenen Frau mit weitem Horizont kennen.

Liebe Frau Orlando, warum haben Sie die Arbeit in einem Hospiz gewählt?

Bettina Orlando: Ich war immer jemand, getrieben vom Wissen wollen, vom Lernen, vom Umsetzen. Jemand, für den „geht nicht, gibt es nicht“ keine Grenze war. Auch in der Pflege geht es viel ums Tun, um das heil machen. Als ich das erste Mal am Bett eines Sterbenden saß, fühlte ich, dass es nicht darum ging, etwas zu tun, etwas richten zu wollen, sondern zu sein, sein zu lassen und teilzunehmen. Wir dürfen unsere Gäste auf ihrem Weg begleiten, ein riesiges Privileg. Diese Erfahrung und Erkenntnis haben mir eine innere Ruhe gegeben, die mich bei meiner Arbeit nie wieder verlassen hat.

Inwieweit prägt Sie dieses Gefühl?

Die Haltung, die ich den Gästen gegenüber habe, bringe ich auch in gewisser Weise in meine Führungsrolle ein. Ich möchte die Menschen in meinem Team in dem erkennen, was jeden Einzelnen ausmacht: Wer ist dieser Mensch, was bringt er oder sie ein und wie kann ich alle bestmöglich begleiten, damit sie da sein können, wo sie sich gut fühlen?

Welcher Weg führte Sie in Ihre heutige Position?

Ursprünglich habe ich Philosophie und Germanistik studiert. Nach meinem Magisterabschluss bin ich in die USA gezogen, wo ich 20 Jahre lang mit meiner Familie gelebt habe. Nach einigen Jahren als Übersetzerin, Deutschlehrerin und Philosophiedozentin an einem College, habe ich mir 2004 einen Traum erfüllt und ein Studium der Pflege begonnen, das ich 2006 mit einem Bachelor of Science in Nursing abgeschlossen habe. Schon im Studium hat es mich in die Palliativpflege gezogen.
Zunächst war ich in der Onkologie, um zu sehen, welchen Weg Menschen hinter sich haben und das Grundlagenwissen zu erlernen. Seit 2009 arbeite ich in der Hospiz- und Palliativpflege.

Wann sind Sie nach Deutschland zurückgekehrt?

Es hat mich immer zurück in meine Heimatstadt Hamburg gezogen. Als meine Kinder groß waren, fügten sich verschiedene Dinge und ein Freund fragte mich, ob ich mit ihm gemeinsam das Emmaus Hospiz in Blankenese aufbauen würde. Das habe ich getan, ab 2017, als Stellvertretende Leiterin.

Und wie fanden Sie zum Hospiz am Israelitischen Krankenhaus?

Im Emmaus Hospiz zu arbeiten, war eine tolle Erfahrung und ich habe dort viel gelernt, aber ich habe immer auch gedacht: „Wenn ich woanders hingehen würde, dann in das Hospiz am Israelitischen Krankenhaus.“ Als ich von
der ausgeschriebenen Stelle als Hospizleitung erfuhr, war das die Gelegenheit, mich noch einmal weiter zu strecken. Ein neues Haus, ein neues Team, eine neue Struktur – es ist eine riesige Lernkurve, auf der ich mit viel Freude herumklettere. Letztendlich geht es immer um die Gäste. Solange wir die, die sich uns anvertrauen, nicht aus unserem Fokus verlieren, ist alles richtig.

Sie sprechen wirklich mit Leidenschaft und Liebe von Ihrem Beruf, Ihrer Berufung.

Ja, ich liebe meine Arbeit und ich liebe, was ich tue. Wenn ich darüber erzähle, merke ich selbst wieder, dass ich genau da bin, wo ich hingehöre.

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